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Am 06. Februar 2009 war es nun endlich soweit! Weil Herr Doktor Schlüter es zum Heulen fand, dass kaum einer von uns jemals im Aachener Dom war, war er von dem Gedanken beseelt, uns in diese Kathedrale zu führen, die übrigens als erstes Gebäude Deutschlands in das UNESCO-Weltkulturerbe (1978) aufgenommen wurde und immer noch eine berühmte Wallfahrtskirche ist. Da wir im Unterricht derzeit Einhard übersetzen, der in seinem Werk „Vita Karoli Magni“ über Karl den Großen berichtet, lag es auf der Hand, dass auch wir einmal Karls Lieblingspfalz Aachen zu Gesicht bekamen und gleichzeitig noch Wissenswertes über ihn erfahren sollten. Außerdem liegt Aachen ja fast vor unserer Haustüre.
So kam es, dass sich unser (fast) kompletter Lateinkurs an einem Donnerstagmorgen nach einigen Organisationskomplikationen pünktlich am Krefelder Hauptbahnhof versammelte. Von dort aus fuhren wir knapp 90 Minuten mit dem Zug zum Aachener Hauptbahnhof, von dort aus unser Trip ins Unbekannte begann. Zwar erlebte Herr Schlüter hier und da einige „Déjà-vú-Erlebnisse“ auf dem Weg zum Dom, dennoch mussten wir uns von freundlichen Passanten den Weg erklären lassen. Doch bevor wir zum Dom gelangten, lag noch ein „Weihwasserbrunnen“, der Elisenbrunnen, vor uns. Also begaben wir uns in die Höhle des Löwen, doch schon drei Meter vor dem Brunnen empfing uns ein Geruch, der an faule Eier gemahnte. Nach einigem Zögern und Zaudern wagte es eine Hälfte der Schüler ihre Pappbecher unter das Heilwasser zu halten, während es die anderen vorzogen sich abseits und vor allem unauffällig neben den Brunnen aufzuhalten, um nicht von Herrn Schlüter zum Weihwassertrinken genötigt zu werden. Nachdem der größte Teil sich dann doch beherzt und todesmutig einen Schluck reingekippt hatte, eilten wir zur Domschatzkammer, von wo aus die Führung startete. Eine freundliche Dame erklärte uns, dass die Domschatzkammer einen der bedeutendsten Kirchenschätze Europas berge, also eine einzigartige und kostbare Schatzsammlung der Geschichte des Aachener Doms darstelle. Auch wir wurden später von der Vielfalt der Schätze überzeugt. Da Teile des Doms schon 800 erbaut wurden und man ihn immer wieder veränderte oder vergrößerte, sind dementsprechend auch Schätze aus den verschiedensten Epochen, wie zum Beispiel der Spätantike oder der Gotik, erhalten und werden dort ausgestellt. Zuerst ging es in die abgedunkelte Schatzkammer. Dort sahen wir den Proserpina-Sarkophag, der im zweiten Jahrhundert nach Christus angefertigt wurde und in dem man Karl den Große am 28. Januar 814 im Aachener Dom bestattete. Typisch bis ins späte Mittelalter war es, dass antike Sarkophage für christliche Bestattungen benutzt wurden und so kam es, dass sich Karl der Große (geschätzte 180cm groß) auf einer Italienreise den berühmten Proserpina-Sarkophag in seine Aachener Pfalz mitbrachte. Die Bildhauerei dieses Sarkophags gleicht einer Art Bilderbuch und erzählt - kunstvoll gestaltet - von der linken zur rechten Seite den römisch-griechischen Mythos vom „Raub der Proserpina“. Nachdem Proserpina, die einzige Tochter der Göttin Ceres, eine Narzisse gepflückt hatte, die zu dieser Zeit ein Zeichen des Todes war, kam der Gott Pluto und entriss sie aus ihrem Leben in die Unterwelt. Da Ceres den Tod ihrer Tochter nicht hinnehmen wollte, kämpfte sie. Sie beschwerte sich bei Jupiter und erreichte einen Kompromiss. Proserpina wurde Königin der Unterwelt und durfte jeweils pünktlich zum Frühlingsbeginn auf die Oberwelt zurückkehren.
Nach dem kleinen Exkurs in die römisch-griechische Mythologie gelangten wir in einen anderen Raum, der Reliquiare Karls des Großen birgt. Reliquiare sind die „Behältnisse“ der Reliquien und besonders der Gebeine als heilig verehrter Menschen. So enthält eine Büste Karls des Großen, die pompös einige Jahrhunderte nach seinem Tod gestaltet und mit Edelsteinen verziert wurde. Als letztes stellte die Führerin uns das Lotharkreuz vor, welches ein Vortragekreuz darstellt und mit unzähligen Smaragden, Rubinen, Perlen und Goldfiligran verarbeitet und vermutlich um 1000 n. Chr. in Köln angefertigt wurde. Der Name des Kreuzes geht auf den fränkischen König Lothar II. zurück, der später auch Lothringen regierte. Auf der einen Seite ist Kaiser Augustus zu sehen, auf der anderen Seite Jesus Christus. Diese Nähe oder wohl eher Gleichberechtigung ist sehr typisch für die damalige Zeit, da Kaiser früher als Repräsentanten Jesu galten und man somit seine Macht über das Reich unterstrich. Die Umschrift „+XPE ADIVVA HLOTARIVM REG“ („Gott helfe König Lothar“) auf der Rückseite stellt die Unzertrennlichkeit von Kirche und Staat, die damals als selbstverständlich galt, dar. Otto der III. stiftete einst im Mittelalter diese wichtige Kostbarkeit und bereicherte damit den Kirchenschatz um ein weltberühmtes Kunstwerk. Nachdem wir erschlagen von so vielen Kostbarkeiten aus Gold, Silber, Smaragden, Rubinen, Perlen, Goldfiligranen und Elfenbein gewesen waren, führte uns die Führerin in den Dom, der eine mehr als zwölfhundertjährige Geschichte hinter sich hat. Kern dieses Bauwerks ist das Oktogon mit seiner Kuppel. Diese zwei Bauelemente wurden um 800 n. Chr. fertig gestellt und messen 32 Meter, was für damalige Verhältnisse riesig war. (Einst stellten die beiden Bauelemente sogar die höchsten Gebäude Europas dar!). 500 Jahre später folgte dann die gotische Chorhalle, die durch ihre Höhe atemberaubend wirkt und vorteilhaft für die Wirkung der Gesänge sein muss. Aber auch die Kapellen auf der Nord- und Südseite ließ man im 14. bzw. 15. Jahrhundert errichten. Im 18. Jahrhundert folgte die Ungarische Kapelle und der Portalvorbau, die den Dom vervollständigten. Während wir also die einzelnen Teile des Dom besichtigten, hatten wir das Gefühl eine kleine Reise durch die Vergangenheit zu tätigen. Diese Atmosphäre macht den Dom so einzigartig, der zwar nicht durch Größe, aber durch architektonische Vielfalt besticht. Hier fand Karl der Große seine letzte Ruhe im Jahre 814. Heute werden seine Gebeine im goldenen Karlsschrein, der uns auch zu erläutert wurde, ausgestellt Zum Schluss gelangten wir zum Thron, der im westlichen Galeriejoch, im Obergeschoss gegenüber dem Chor befindlich, mit einer Treppe zu erreichten ist. „Normale“ Touristen bekommen den übrigens nicht aus der Nähe zu sehen, was die Inanspruchnahme einer Rundführung einerseits begründet und andererseits auch lohnenswert macht. Nach einigen schmalen Treppenstufen standen wir vor dem Thron, den wir uns eindeutig prunkvoller vorgestellt hatten, nachdem, was wir vorher alles gesehen hatten. Ursprünglich war der karolingische Thron aus Holz und Spolien aus der Grabeskirche in Jerusalem angefertigt. Im Laufe der Zeit wurden sowohl sein Standort als auch Aussehen verändert und zwischen 936 bis 1531 bestiegen 30 deutsche Könige diesen Thron. Mit diesem Highlight beendeten wir die Führung durch den Dom.
Abschließend lässt sich sagen, dass dieser Ausflug sehr informativ und interessant war. Zwar ist der Aachener Dom nicht annähernd so groß, wie der Kölner, dennoch ist seine geschichtliche Vielfalt beeindruckend. Die vergleichsweise intime Dimension des Doms wirkt zudem auch viel gemütlicher und ist für das Beten und dessen Innigkeit wohl besser geeignet. Die Exkursion zum Aachener Dom war bestimmt nicht die letzte unseres Lateinkurses und - wer weiß - vielleicht machen wir mit Herrn Doktor Schlüter doch noch eine Nordpolexpedition!
Vanessa Grolig und Ellen Hallmann |